Anthropic-Börsengang: Die Rechnung steht bis 2036 fest, der Umsatz nicht
Wen könnte dieses Thema interessieren?
Der KI-Entwickler Anthropic will an die Börse – mit einer Bewertung von bis zu zwei Billionen US-Dollar und einem Prospekt, der auf 80 Seiten vor den eigenen Risiken warnt. Seit dieser Woche sind erstmals konkrete Zahlen bekannt: Umsatz, Verlust, Verpflichtungen. Die Zahl aus den Schlagzeilen ist dabei gar nicht die, auf die es ankommt. Entscheidend ist ein Missverhältnis im Kleingedruckten: Anthropic hat sich bis 2036 gebunden, seine Kunden nicht. Stand: 02.10.2026.
Das Wichtigste in Kürze
- Termin: Laut Bloomberg könnte der Handel Mitte November starten, noch vor dem US-Feiertag Thanksgiving am 26. November. Als Handelsplatz ist Berichten zufolge die Nasdaq vorgesehen. Offiziell bestätigt ist beides nicht.
- Bewertung: Potenzielle Investoren halten laut Bloomberg 1,8 bis 2 Billionen US-Dollar für angemessen. Das wäre der größte Börsengang der Geschichte, vor SpaceX mit 1,77 Billionen im Juni.
- Wachstum: 2025 stieg der Umsatz um 1.088 Prozent auf rund 4,6 Milliarden US-Dollar. Im zweiten Quartal 2026 waren es bereits 11,5 Milliarden.
- Verlust: Unterm Strich stehen für 2025 rund 42 Milliarden US-Dollar Minus. Davon sind etwa 34 Milliarden ein Buchungseffekt, operativ lag der Verlust bei gut 8 Milliarden.
- Verpflichtungen: Anthropic hat sich für rund ein Jahrzehnt auf mindestens 518 Milliarden US-Dollar an Ausgaben für Rechenleistung festgelegt. Etwa 80 Prozent davon sind nicht kündbar.
- Das Missverhältnis: Den festen Zusagen stehen Einnahmen gegenüber, die nicht gesichert sind. Viele Großkunden haben laut Prospekt keine langfristigen Verträge.
- Unser Ansatz: Kein heißer Tipp, sondern Fakten, mehrere Perspektiven und die richtigen Fragen.
Stell dir ein Bewerbungsgespräch vor, in dem der Kandidat erst einmal eine halbe Stunde lang aufzählt, was mit ihm alles schiefgehen könnte. Er könnte das Budget sprengen, seine wichtigsten Kunden verlieren und, ach ja, eventuell die Menschheit gefährden. Danach nennt er seine Gehaltsvorstellung: zwei Billionen Dollar.
So ungefähr liest sich der Börsenprospekt von Anthropic, dem Unternehmen hinter der KI Claude. Die Nachrichtenagentur Reuters und die Financial Times konnten den vertraulichen Entwurf einsehen, der seit Juni bei der US-Börsenaufsicht SEC liegt, und haben Anfang der Woche daraus berichtet. Wichtig vorab: Öffentlich ist das Dokument noch nicht, Anthropic hat die Berichte nicht kommentiert. Alle Angaben stammen aus Medienberichten und können sich bis zum Börsengang ändern.
Wer ist Anthropic – und warum schaut die Wall Street so genau hin?
Anthropic wurde 2021 von ehemaligen OpenAI-Forschern um Dario Amodei gegründet. Sie hatten den ChatGPT-Entwickler nach Meinungsverschiedenheiten über Führung und KI-Sicherheit verlassen. Im März 2023 erschien das erste eigene Sprachmodell. Heute verdient Anthropic sein Geld vor allem mit Unternehmen und Entwicklern, die Claude zum Beispiel beim Programmieren einsetzen.
Fünf Jahre nach der Gründung hat das Unternehmen privat mehr als 125 Milliarden US-Dollar eingesammelt. Bei der Finanzierungsrunde im Mai lag die Bewertung bei 965 Milliarden US-Dollar und damit erstmals über der von OpenAI (852 Milliarden). Weil OpenAI Berichten zufolge erst 2027 an die Börse will, würde Anthropic den Preismaßstab für die ganze Branche setzen.
42 Milliarden Dollar Verlust: Wie schlimm ist das wirklich?
Ein Verlust, der neunmal so hoch ist wie der Umsatz: Das klingt nach Geldverbrennung in Reinform. Der Blick ins Detail zeigt ein anderes Bild.
Rund 34 der 42 Milliarden sind laut Reuters ein Buchungseffekt. Anthropic hat Finanzierungen erhalten, die später in Aktien umgewandelt werden können. Steigt der Wert des Unternehmens, wird dieses Versprechen teurer, und die Differenz landet als Aufwand in den Büchern. Geld ist dabei nicht abgeflossen.
Ein Vergleich aus dem Alltag: Du leihst dir Geld von einer Freundin und versprichst ihr dafür später ein Zimmer deiner Wohnung. Verdoppelt sich der Wert der Wohnung, ist dein Versprechen doppelt so teuer geworden. Auf dem Papier bist du ärmer, von deinem Konto ist aber kein Euro verschwunden. Kurios daran: Je besser es für das Unternehmen läuft, desto größer fällt dieser Buchverlust aus.
Übrig bleibt der operative Verlust von 8,06 Milliarden US-Dollar (2024: 2,98 Milliarden). So viel hat der laufende Betrieb mehr gekostet, als er eingebracht hat, vor allem wegen der Rechenleistung: Sie verschlang 7,33 Milliarden und damit mehr als die Hälfte aller operativen Kosten. Im zweiten Quartal 2026 erzielte Anthropic laut Bloomberg dann erstmals einen bereinigten operativen Gewinn. Ende 2025 lagen 20,28 Milliarden US-Dollar an Barmitteln und kurzfristigen Anlagen in der Kasse.
518 Milliarden Dollar: Die Zahl, auf die es ankommt
Wichtiger ist eine Zahl, die in vielen Überschriften fehlt. Anthropic hat sich laut Reuters verpflichtet, über rund ein Jahrzehnt mindestens 518 Milliarden US-Dollar für Cloud-Dienste, Chips und Rechenzentren auszugeben. Das Geld geht an sechs Partner:
- Broadcom: 161,2 Milliarden US-Dollar für geleaste Technik
- Alphabet (Google): 111,1 Milliarden US-Dollar bis Juli 2033
- Amazon: 110 Milliarden US-Dollar bis April 2036
- xAI (gehört zu SpaceX): bis zu 84,5 Milliarden US-Dollar bis 2029
- Microsoft: 31,4 Milliarden US-Dollar bis Mai 2033
- AMD: mehr als 20 Milliarden US-Dollar
Der Haken: Rund 80 Prozent der Gesamtsumme sind nicht kündbar oder werden fällig, egal ob Anthropic die Kapazität nutzt. Gibt das Unternehmen bei Google oder Amazon weniger aus als vereinbart, muss es die Differenz trotzdem zahlen. Nur die Vereinbarung mit xAI lässt sich größtenteils mit 90 Tagen Frist beenden.
Fest gebunden bis 2036 – mit Kunden ohne feste Verträge
Jetzt zur anderen Seite der Rechnung, den Einnahmen. Dort sieht es genau umgekehrt aus. Viele der größten Kunden haben laut Prospekt keine langfristigen Verträge und könnten ihre Ausgaben kürzen oder einstellen. Zwei Kunden standen 2025 für je rund 12 Prozent des Umsatzes. Und laut Reuters liefen 47 Prozent der Erlöse über die Cloud-Plattformen von Amazon und Google, die selbst mit eigenen KI-Modellen konkurrieren. 2023 waren es erst 11 Prozent.
Das ist, als würdest du einen Mietvertrag über zehn Jahre unterschreiben, dessen Miete dein heutiges Einkommen weit übersteigt, während dein Arbeitgeber dir zum Monatsende kündigen kann. Unterschrieben in der Erwartung, dass das Gehalt weiter so steigt wie bisher.
Anthropic begründet die Wette im Prospekt damit, dass die Nachfrage nach fortgeschrittener KI das Angebot an Rechenleistung voraussichtlich übersteigen wird. Wer sich Kapazität sichert, kann liefern, wer zögert, nicht. Bisher geben die Zahlen dem Unternehmen recht: Allein im zweiten Quartal 2026 lag der Umsatz bei 11,5 Milliarden US-Dollar, mehr als doppelt so viel wie im gesamten Vorjahr. Geht die Rechnung weiter auf, war das weitsichtig. Bremst das Wachstum, bleibt die Miete trotzdem fällig.
Geldgeber, Lieferant, Konkurrent: Wer mit dranhängt
Die Partner aus der Liste oben sind oft zugleich Anteilseigner. Alphabet gehörten laut Gerichtsdokumenten zuletzt rund 14 Prozent an Anthropic, für Amazon kursieren Schätzungen zwischen 15 und gut 20 Prozent. Auch Microsoft, Nvidia und Salesforce sind beteiligt. AMD hat zugesagt, Aktien für bis zu 5 Milliarden US-Dollar zu kaufen, Nvidia verhandelt laut Reuters über eine Rolle als Ankerinvestor. Anthropic selbst schreibt, dieses Geflecht schaffe „komplexe Dynamiken“, die zu Interessenkonflikten führen könnten.
Brian Sozzi, Executive Editor bei Yahoo Finance, zieht daraus den Schluss: Für Anthropic müsse alles glattgehen, sonst gerieten viele andere Unternehmen in Schwierigkeiten, bei Aktien wie bei Anleihen. Das betrifft auch Anleger, die diese Konzerne über einen Welt- oder Technologie-ETF halten.
Die Anthropic-Aktie selbst gibt es noch nicht. Kürzel, ISIN und Preisspanne stehen nicht fest, im Gespräch ist ein Emissionsvolumen von bis zu 100 Milliarden US-Dollar. Ob und wie Privatanleger in Deutschland zeichnen können, ist offen.
80 Seiten Risiken, 48 Seiten Geschäft
Von den 261 Seiten des Prospekts entfallen laut Reuters rund 80 auf Risiken und nur 48 auf das Geschäftsmodell. Der wohl ungewöhnlichste Satz darin: Fortgeschrittene KI könne „katastrophale oder existenzielle Risiken für die Menschheit“ mit sich bringen. Die eigenen Modelle könnten sich einer Abschaltung widersetzen, Informationen verbergen oder ein Verhalten zeigen, das an Erpressung erinnert.
Das lässt sich als Ehrlichkeit lesen oder als juristische Absicherung. Vermutlich ist es beides. Dario Amodei warnt seit Jahren öffentlich vor den Risiken seiner eigenen Technologie, vergangene Woche sogar vor dem UN-Sicherheitsrat. Gleichzeitig setzt Anthropic im Prospekt darauf, dass der Markt verlässliche und sichere KI belohnen wird. Genau das ist die Wette, die Anleger mit eingehen.
Ist Anthropic zwei Billionen Dollar wert? Die Stimmen
Die Optimisten. Ein Anthropic-Investor rechnete der Financial Times vor: Bei einem Wachstum von rund 800 Prozent pro Jahr sei selbst das 30-Fache des Umsatzes vorsichtig angesetzt, und das ergäbe 3 Billionen US-Dollar. Geldgeber erwarten bis Jahresende einen hochgerechneten Jahresumsatz von 100 bis 120 Milliarden US-Dollar. Ende Juli lag dieser Wert bei 65 Milliarden.
Die Skeptiker. Eine Rechnung, über die das Magazin Fortune berichtete: Zu den Bewertungen, die für große Nasdaq-100-Konzerne üblich sind, bräuchte Anthropic einen Jahresgewinn von 59 bis 79 Milliarden US-Dollar, um 2 Billionen zu rechtfertigen. Einen Jahresgewinn hat das Unternehmen bisher nie ausgewiesen. Dazu kommt: Die 2 Billionen stammen laut Financial Times aus den Modellen der Investoren. Das Management selbst hat kein Bewertungsziel genannt.
Der Zweitmarkt. Dort ist man zurückhaltender als in den Schlagzeilen: Nasdaq Private Market taxierte Anthropic zuletzt auf 1,32 Billionen US-Dollar.
Die Privatanleger. In Anlegerforen wie Reddit und Stocktwits überwiegt in dieser Woche die Skepsis. Viele halten die Bewertung für zu hoch und fühlen sich an die Dotcom-Zeit erinnert. Eine kleinere Gruppe hält dagegen: Wer nur auf die Zahlen von 2025 schaue, unterschätze das Wachstumstempo seither. Häufig fällt zudem die Frage, ob die Kunden auch bei steigenden Preisen bleiben. Repräsentativ ist ein solches Stimmungsbild nicht, es zeigt aber, wie weit die Erwartungen auseinanderliegen.
Die Lehre aus dem Juni. SpaceX ging zu 135 US-Dollar an die Börse, stieg in wenigen Tagen auf 225,64 US-Dollar und fiel Mitte Juli erstmals unter den Ausgabepreis. Ende September notierte die Aktie wieder bei rund 150 US-Dollar. Der Marktstratege Steve Sosnick sagte Reuters damals sinngemäß, es sei selten eine gute Idee, einer Aktie hinterherzulaufen. Mehr dazu in „SpaceX-IPO 2026: Termin, Bewertung & Risiken im Überblick“ und in „SpaceX im ETF: Was der IPO für deinen Sparplan bedeutet“.
Drei Fragen, bevor du dich entscheidest
Wir bei SMARTBROKER+ sagen dir nicht, ob du kaufen sollst. Diese Fragen helfen dir, es selbst zu beurteilen:
- Glaubst du die Wachstumsgeschichte? Die Bewertung setzt voraus, dass der Umsatz noch jahrelang rasant steigt. Bremst das Wachstum, bleiben die festen Verpflichtungen trotzdem bestehen.
- Wie viel Schwankung hältst du aus? Frisch gelistete Aktien bewegen sich oft heftig, in beide Richtungen. Hinzu kommt das Währungsrisiko, weil die Aktie in US-Dollar notieren wird. Auch ein Totalverlust ist bei Einzelaktien möglich.
- Muss es der erste Tag sein? Wer wartet, kennt die ersten Quartalszahlen als börsennotiertes Unternehmen. Dafür kann der Kurs bis dahin höher oder niedriger stehen.
Fazit: Der nächste Termin steht schon fest
Anthropic wächst schneller als fast jedes Unternehmen vor ihm und hat dafür Rechnungen unterschrieben, die erst in Jahren fällig werden. Beides gehört zur ehrlichen Bestandsaufnahme. Die 42 Milliarden Verlust sind dabei weniger dramatisch, als sie klingen. Die 518 Milliarden an Verpflichtungen wiegen schwerer, als die meisten Überschriften vermuten lassen. Denn die Kosten stehen bis 2036 fest, die Einnahmen nicht.
Die wirklich spannenden Antworten stehen noch aus. Der Prospekt muss mindestens 15 Tage vor Beginn der Investorengespräche öffentlich werden. Erst dann zeigt sich, zu welchem Preis die Aktie angeboten wird, wie viele Stimmrechte die Gründer behalten und wer Zugang zur Zeichnung bekommt. Wir bleiben für dich dran.
Häufige Fragen zum Anthropic-Börsengang (FAQ)
Wann geht Anthropic an die Börse? Ein offizieller Termin steht nicht fest. Laut Bloomberg könnte die Vermarktung in der Woche ab dem 9. November beginnen und der Handel Mitte November starten, spätestens aber bis Jahresende. Verschiebungen sind bei Börsengängen jederzeit möglich.
Wie hoch wird Anthropic bewertet? Potenzielle Investoren halten laut Bloomberg 1,8 bis 2 Billionen US-Dollar für angemessen. Das Unternehmen selbst hat kein Ziel genannt. Bei der Finanzierungsrunde im Mai 2026 lag die Bewertung bei 965 Milliarden US-Dollar.
Kann ich die Anthropic-Aktie schon kaufen? Nein. Die Aktie ist noch nicht börsennotiert, ein Kürzel und eine ISIN gibt es noch nicht. Indirekt sind Anleger über Konzerne wie Amazon und Alphabet beteiligt, die Anteile an Anthropic halten und in vielen Welt- und Technologie-ETFs enthalten sind. Das ist keine Empfehlung, sondern eine Einordnung.
Macht Anthropic Gewinn? Auf Jahressicht nicht. 2025 lag der Nettoverlust bei rund 42 Milliarden US-Dollar, davon etwa 34 Milliarden als Buchungseffekt.
Die Verkaufunterlagen zu allen verlinkten Aktien findest du in deiner SMARTBROKER+ App auf der jeweiligen Produktseite unter dem Reiter „ Info“.
Quellen: Reuters, Bloomberg, Financial Times, Fortune und Yahoo Finance, Berichte von August bis 01.10.2026. Die Zahlen aus dem Börsenprospekt stammen aus einem unveröffentlichten Entwurf.
Disclaimer
Ausdrücklich weist die Smartbroker AG darauf hin, dass ein Investment in Wertpapiere und sonstige Finanzinstrumente im Sinne des WpHG grundsätzlich mit erheblichen Chancen und Risiken (Preis-, Markt-, Währungs-, Volatilitäts-, Bonitäts- und sonstigen Risiken) verbunden ist und ein Totalverlust des investierten Kapitals nicht ausgeschlossen werden kann. Die Smartbroker AG empfiehlt deshalb jedem Leser und jeder Leserin sich vor einer Anlageentscheidung intensiv mit den Chancen und allen Risiken auseinander zu setzen und sich umfassend zu informieren. Sämtliche verwendeten Wertentwicklungsangaben, sei es für die Vergangenheit oder im Sinne einer Prognose bzw. Einschätzung sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse bzw. Wertentwicklungen. Die hier angebotenen Beiträge dienen ausschließlich der Information und stellen keine Kauf- bzw. Verkaufsempfehlungen dar. Alle Informationen sind sorgfältig zusammengetragen, haben jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit und sind unverbindlich sowie ohne Gewähr. Des Weiteren dient die Bereitstellung der Information nicht als Rechtsberatung, Steuerberatung oder wertpapierbezogene Beratung und ersetzt diese nicht. Eine an den persönlichen Verhältnissen des Kunden ausgerichtete Anlageempfehlung, insbesondere in der Form einer individuellen Anlageberatung, der individuellen steuerlichen Situation und unter Einbeziehung allgemeiner sowie objektspezifischer Grundlagen, Chancen und Risiken, erfolgt ausdrücklich nicht.